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Peiß - 114 Jahre hat das stattliche Bauernhaus Rosenheimer Landstraße 8 auf dem Buckel. Der ursprüngliche Eigentümer besaß eine Brauerei und viel Geld - deshalb konnte er es sich leisten, das behäbige Haus zur Regierungszeit von König Ludwig II. von versierten italienischen Maurern ausführen zu lassen: Es ist ein typischer “Italienerhof”, geprägt von einem schweren, repräsentativen Baustil. Der heutige Hausherr ist alt wie der Hof und hat im Gegensatz zum ursprünglichen Eigentümer keine prall gefüllten Konten zu verwalten: “Ein Antiquitätenhändler hat nie Geld auf der hohen Kante”, meint Hans Zahn mit einem lächelnden Seufzen. Oft genug passiere es ihm, dass er am Vormittag nicht umhin komme, für sechstausend Mark bei einem fahrenden Händler beispielsweise einen schönen Nußbaum-Sekretär aus der Biedermeier-Zeit zu kaufen weil er “gar so schee” ist. Am Nachmittag heißt es dann, die sechstausend Mark irgendwie wieder hereinzubekommen. Und da kann die Zeit schon lang werden, wenn die laute, altertümliche Hausklingel über Stunden hinweg stumm bleibt, weil niemand Antiquitäten kaufen will.
Seit 18 Jahren betreibt Hans Zahn sein Geschäft, in das er mehr oder weniger hineingeboren wurde. Zuhause am Chiemsee hatten schon seine Eltern leidenschaftlich Antiquitäten gesammelt. In einer Zeit, als alle Welt auf Nierentische und Tütenlampen setzte, kaufte die Mutter ein Barockmöbel nach dem anderen. Was partout nicht mehr in die Wohnung passen wollte und wovon sie sich notgedrungen trennen musste, verkauften die Eltern schließlich im eigenen Antiquitätengeschäft in Rosenheim. Der Sohn hatte seinen Wohnsitz inzwischen nach Karlsfeld bei Dachau verlegt und war beim Bundesgrenzschutz. Die Liebe zu alten Möbeln hatte er mit der Muttermilch aufgesogen - und so richtete er nebenher nicht nur sich selbst sondern auch seinen Freunden die Wohnungen mit ausgesuchten Raritäten ein. Die Freunde scheinen von dem Talent mit dem er sein Hobby ausführte, überzeugt gewesen zu sein. Denn sie beschlossen, dass sich Hans Zahn als Antiquitätenhändler selbständig machen müsse. Ihm fehlte das nötige Kapital - also überreichten sie ihm zum 35. Geburtstag einen ganzen Stapel zinsloser Darlehen, mit deren Hilfe er den Schritt in die Selbständigkeit wagte.
7000 Kilometer verfuhr er zwischen Rosenheim und Starnberg, bis er endlich den Hof in Peiß gefunden hat. Ihm war klar, dass er im Süden von München, wo die Städter die Landhäuser haben, mit einem Antiquitätenladen erfolgreichen sein würde als anderswo. Heute ist der Italienerhof mit den fünf Verkaufsräumen im Erdgeschoss und der Wohnung der Familie im ersten Stock bis unters Dach voller Antiquitäten - ebenso die Scheune des Nachbarn und der ehemalige Kuhstall auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Von der gotischen Truhe bis zu Art-deco-Frisiertisch reicht die Palette, darunter bäuerliche und bürgerliche Möbel aus der Renaissance, aus Barock und Rokoko, aus Biedermeier und Jugendstil. In der Scheune stapeln sich Esstische und Küchenbüfetts, Schreibtische und Sekretäre, Fauteuils und Vitrinen, Vertikos und Kommoden, Kästen und Schränke. Drüben im Kuhstall (Ausstellungshalle) stößt man auf reich bemalte “Tölzer” und “Dachauer”, auf Sofas, Notenständer und Kruzifixe, Geschirr, Glas, Gesteck, Bilder, Rahmen, Lampen, Kerzenleuchter, Registrierkassen, Grammophone, selbstgebaute Skier aus Eschenholz - es gibt nichts, was Zahn nicht hätte.
In der Werkstatt wartet ein gutes Dutzend bemalter Schwarzwalduhren aus der Zeit um 1780 auf die fachgerechte Restaurierung, daneben wird gerade ein Toilettenstuhl aus dem Jugendstil hergerichtet, laut Signatur gefertigt von “J. Zöbelein, Sattler in München, 4.März 1912”. Weit über 1000 Quadratmeter, die Hälfte davon Ausstellungsfläche, sind zugestellt. “Derweil wollten mir nie so vui Sach ham” meint Hans Zahn fast schuldbewusst - “aber der Vater ist beim Sammeln halt nicht zum Derbremsen” ergänzt Tochter Susanne. Weil sie kaum noch zum Restaurieren kommt, hat’s schon mal gescheppert”.
Auf der Insel Sylt hat Hans Zahn das nördlichste Haus der Republik eingerichtet, nach Friesland gingen 20 bemalte Haustüren. Der Löwenanteil, etwa 80 bis 90 Prozent der verkauften Antiquitäten, bleibt freilich im Raum München. Hier beliefert Hans Zahn zum Teil bereits die dritte Generation in Folge. Und zu den treuesten Kunden gehören noch immer die alten Freunde, die ihm damals mit ihrem ungewöhnlichen Geburtstagsgeschenk zu dem Beruf verholfen haben, für den er jetzt täglich mit nicht nachlassender Begeisterung sein Herzblut hingibt.
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